Laissez-passer e. V. wurde gegründet, um eine strukturelle Lücke zu schließen, die über Jahrzehnte in der deutschen Flüchtlings- und Integrationspolitik existierte. Heute – fast zehn Jahre nach der offiziellen Vereinsgründung im Jahr 2016 – ist erkennbar, dass sich Laissez-passer zu einem bundesweiten Ansprechpartner entwickelt hat: für Communities, Behörden, Politik, Wissenschaft, Medien und für all jene, die verstehen möchten, wie tief die Geschichte libanesischer Einwanderung die Bundesrepublik geprägt hat.
Die Arbeit des Vereins begann aus der Not heraus: Seit Jahrzehnten lebt in der Stadt Essen eine große Gruppe von Menschen libanesischer und staatenloser Herkunft, die niemals ein reguläres Aufenthaltsrecht erhalten hat. Viele von ihnen leben seit über 40 oder 50 Jahren in Essen, sind hier zur Schule gegangen, haben hier gearbeitet, sind Eltern, Großeltern und Nachbarn – aber besitzen bis heute kein gesichertes Aufenthaltsrecht, sondern nur eine Duldung. Diese Duldungen wurden über Generationen hinweg vererbt. Unschuldige Essener Kinder und Enkelkinder tragen bis heute Rechtsfolgen, die aus den 1980er Jahren stammen.
Dass in einer Großstadt wie Essen nach 50 Jahren immer noch Menschen in identischen Strukturen gehalten werden wie zu ihrer Ankunftszeit, ist ein historischer Missstand. Und es ist ein Missstand, der nicht die Realität dieser Stadt widerspiegelt, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen der Vergangenheit ist. Laissez-passer dokumentiert diese Schieflage – und erinnert daran, dass jede Stadt ein vollständiges Bild ihrer eigenen Geschichte kennen und anerkennen muss.
Zehn Jahre Clankriminalitätsdebatte – gesellschaftliche Folgen
Seit einem Jahrzehnt prägt die sogenannte Clankriminalitätsdebatte die politische und mediale Landschaft in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen und Niedersachsen. Was als Sicherheitsdiskurs begann, hat die Lebensrealität unzähliger Menschen verändert. Die Teilnehmer*innen unserer Projekte, unsere Vereinsmitglieder und deren Familien berichten nahezu täglich von Erfahrungen, die eines gemeinsam haben: Sie sind vom Familiennamen abhängig.
Ob in Schulen, in städtischen Ämtern, auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt oder in öffentlichen Räumen – ein libanesisch klingender Familienname kann heute ausreichen, um ausgeschlossen, übergangen oder verdächtigt zu werden.
Dieser familiennamenbezogene Rassismus ist in Essen strukturell verankert. Das hat historische Gründe: Essen war in den frühen 1980er Jahren ein Ankunftsort für viele Flüchtlinge aus dem libanesischen Bürgerkrieg. Dass viele dieser Menschen nach einem halben Jahrhundert immer noch im gleichen rechtlichen Schwebezustand leben, sagt sehr viel über die Rahmenbedingungen aus, die sie bis heute begrenzen.
Essen ist mittlerweile Heimat von Familien, die hier länger leben als Unternehmen, die die Stadt heute prägen. Die Community mit libanesischer Einwanderungsgeschichte gehört mit all ihrer inneren Vielfalt heute zu Essen wie Krupp oder Folkwang. Nicht, weil sie sich bewusst in den Mittelpunkt stellt, sondern weil die Art, wie kommunale und staatliche Strukturen mit ihnen umgegangen sind, sie sichtbar gemacht hat – oft als Problem, selten als Potenzial.
Politische Verantwortung
Laissez-passer sieht sich als ein Sprachrohr für diejenigen Menschen, die – wie diejenigen mit libanesischer Einwanderungsgeschichte – seit Jahrzehnten Teil dieser Stadt sind, ohne vollständig als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger anerkannt zu werden.
Essen muss alles daransetzen:
- dass Kinder wegen ihres Familiennamens in Schulen nicht diskriminiert oder ausgeschlossen werden,
- dass städtische Ämter sensibel und rechtskonform handeln,
- dass Bewerbungen auf dem Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt nach Qualifikation und Bedarf bewertet werden, nicht nach Herkunft,
- dass die Geschichte dieser Community als Teil der Essener Geschichte anerkannt und politisch mitgetragen wird.
Eine langfristig gerechte Integrationspolitik muss anerkennen, dass sich jahrzehntelange Unsicherheiten nicht von selbst lösen. Sie müssen aktiv bearbeitet werden – fair, transparent und mit Blick auf die kommenden Generationen.
Laissez-passer versteht seine Rolle nicht in Opposition zur Stadt, sondern als verlässlicher Partner, der dokumentiert, vermittelt, aufklärt und Missstände sichtbar macht.
Laissez-passer als Versöhner und Demokratieträger
Der Verein ist heute mehr als eine Beratungsstelle. Laissez-passer bietet Raum für Begegnung von alten und neuen Generationen, ohne dass die ältere Generation aussortiert wird. Die Erfahrungen der ersten Einwanderergeneration sind ein unschätzbares Archiv – und die neue Generation gestaltet professionell, demokratisch und selbstbewusst die nächsten Schritte.
Multiplikatorinnenprojekt – Botschafterinnen einer neuen Integrationskultur
Das von der Stadt Essen geförderte Multiplikatorinnenprojekt zeigt, wie demokratische Strukturen in bildungsbenachteiligten, randständigen Milieus entstehen können, wenn Frauen aktiviert, qualifiziert und ernst genommen werden.
Hierbei gilt unsere besondere Anerkennung der Stadt Essen: Sie ist mit ihren inklusionsorientierten Kräften im Stadtrat und der Verwaltung unter Führung des Oberbürgermeisters bundesweit die einzige Kommune, die verstanden hat, wie entscheidend die Aktivierung diskriminierter Frauen mit Einwanderungsgeschichte für eine nachhaltige Integrationspolitik ist.
In dem Multiplikatorinnenprojekt von Laissez-passer werden Frauen qualifiziert, als Brückenbauerinnen zwischen Familien, Behörden und Institutionen wirken zu können.
Die Wertschätzung für diese Arbeit zeigt sich nicht nur in einer Förderung des nordrhein-westfälischen Integrationsministeriums für ein landesweit ausgerichtetes Projekt zur Entwicklung von Strukturen zum Brückenbau in Migrant*innenselbstorganisationen, sondern auch in einer Einladung der Frau des Bundespräsidenten nach Schloss Bellevue zu Beginn des kommenden Jahres. Diese Anerkennung gilt sowohl den Frauen als auch der Integrationsstrategie der Stadt Essen.
Zum Jahreswechsel und Ausblick auf 2026
Mit diesen Erfahrungen geht Laissez-passer demütig, aber kraftvoll in den Jahreswechsel. Das Jahr 2026 wird für uns ein besonderes: Laissez-passer e. V. feiert sein zehnjähriges Jubiläum. Diesen Meilenstein möchten wir gemeinsam mit vielen Menschen aus Essen und darüber hinaus würdig begehen.
Wir danken allen Unterstützerinnen und Unterstützern, den Ehrenamtlichen, den Institutionen und der Stadt Essen für die Zusammenarbeit.
Wir wünschen Ihnen einen zuversichtlichen Start in das neue Jahr.
Mit besten Grüßen
Der Vorstand